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                                Warum überhaupt etwas ist
                                  und nicht vielmehr nichts?

                    Lawrence Krauss‘ Versuch, die Entstehung
                     des Universums aus Nichts physikalisch
                                             zu erklären

                                 © Hartmut Sommer

„Der gestirnte Himmel über mir“ und damit das Wunder des Seins ist es, das selbst einen nüchternen Geist wie Immanuel Kant zutiefst bewegt und den Menschen seit jeher auf das Numinose, das Heilige, auf Gott als Ursprung alles Seienden verwiesen hat. Es ist eine starke und nachhaltige Intuition der Menschen aller Zeiten und Weltteile. Und nicht nur dies, es ist auch mit den Mitteln der Vernunft gut begründbar, dass ein erstes absolutes und personales Prinzip allem Sein zugrunde liegen muss. Die philosophischen Argumente dafür sind vielfältig und plausibel. Der neue Atheismus ist daher bemüht, dieses starke Argument für den Theismus zu entkräften, indem er eine naturalistische Antwort versucht auf die jedem Denkenden sich aufdrängende Frage „Pourquoi il y a plus tôt quelque chose que rien?“ -Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? – in der Formulierung von Leibniz. Der Physiker Lawrence Krauss hat in seinem Buch „Ein Universum aus Nichts – und warum trotzdem etwas ist“ versucht, diese eminent philosophische Frage mit den Methoden seiner Fachwissenschaft zu beantworten.

Dies sei zwar eine Frage, die er „lieber als erledigt ansehen würde“, müsse jedoch anerkennen, dass sie sich weiterhin stellt. Krauss will daher mit den Mitteln der Physik zeigen, dass ein „Universum aus Nichts“ spontan entstehen kann. Dabei sagt uns sogar die Alltagserfahrung „Von nichts kommt nichts“, doch Krauss meint, diese Aufgabe lösen zu können. Aber schauen wir näher zu und sehen uns den Text und seinen Argumentationsgang vorurteilslos an. Vorausgeschickt sei zunächst die philosophische Definition des Nichts: Es ist Abwesenheit allen Seins. Etwas, von dem ich sagen kann, dass es ist und Eigenschaften hat, ist keinesfalls nichts. „Nichts (nihilum) ist nicht etwas Eigens neben dem Sein, sondern lediglich dessen Fehlen und Ausfall: deshalb wird auch sein Begriff durch die Verneinung des Seins gebildet“ (Brugger). Der Gegensatz von Sein und Nichtsein ist im grundlegenden „Satz vom Widerspruch“ als zentrales Prinzip der Logik formuliert. Schon im Vorwort möchte Krauss diesen allgemeingültigen Begriff des Nichts abwehren, denn er sei leer, quasi eine unsinnige Erfindung der Philosophen und Theologen, die dafür keinerlei empirische Evidenz aufweisen könnten. Hier spricht der in seinen Methoden gefangene Naturwissenschaftler, der vergisst, dass er selber nicht anders kann als die Logik vorauszusetzen, wenn er sein Handwerk ausübt oder auch nur den einfachsten Gedanken fasst. Franz von Kutschera bringt es auf den Punkt: „Empirisch ist immer richtig, was logisch und mathematisch richtig ist, und empirisch ist immer falsch, was logisch und mathematisch falsch ist. Logische Argumente sind von universeller Zuständigkeit.“

Krauss aber muss hier den Hebel ansetzen, denn nur so kann er Raum schaffen für seine eigene Definition des „Nichts“, die den Begriff so zurechtbiegt, dass er ihn physikalisch überhaupt fassen kann, denn über das Nichts kann die Physik gar nichts aussagen, ihr Gegenstand sind die Gesetzmäßigkeiten der physischen Welt. Also erklärt er gegen jede Logik „Das Nichts ist etwas“ und bestimmt zunächst, über „welche Art von ‚Nichts‘“ er sprechen will. Es ist der leere Raum, den er einfach für das Nichts setzt, denn „in ihm befindet sich absolut nichts“. Allerdings gesteht er zu, dass er damit den Raum und die „Gesetze der Physik“ als existierend voraussetzen muss. „Nichts“ setzt er hier daher noch einschränkend in Anführungszeichen. Im Laufe der weiteren Argumentation lässt er sie immer wieder stillschweigend weg. Wenige Zeilen später wird dann auch klar, dass er gar nicht von einen „absolut leeren“ Raum spricht, sondern von einem leeren Raum „mit einer Energie ungleich null“, also vom Vakuum. Wir haben somit etwas eminent Existierendes vor uns: den energiegeladenen Raum, in dem die Gesetze der Physik gelten. Krauss zeigt nun, wie nach den heutigen kosmologisch-physikalischen Theorien bei der Expansion (kosmologischen Inflation) dieses Raumes in der Frühzeit des Universums „die im leeren Raum gespeicherte Energie mit dem Ende der Inflation in die Energie von realen Teilchen und in Strahlung umgewandelt„ wird. Indem er von „Umwandeln“ spricht, wird klar, dass hier etwas Seiendes aus einem bereits Existierenden hervorgeht. Es nützt auch nichts, dass er diesen ursprünglichen energiegeladenen Raum, von dem er ausgeht, zu einem „fast nichts“ erklärt, es bleibt doch Seiendes, wie seine einschränkenden Formulierungen dem aufmerksamen Leser verraten: „Demnach kann unser beobachtbares Universum als mikroskopisch kleine Raumregion beginnen, die im Wesentlichen [!] leer ist.“   Ende des 9. Kapitels gesteht Krauss dann auch zu, das es unredlich wäre „vorzuschlagen, dass der mit Energie versehene Raum, der die Inflation [d.h. die Ausdehnung des Raumes bei der Entstehung des Universums] antreibt, tatsächlich Nichts ist“.

Damit aber gibt sich Krauss nicht zufrieden. Dies sei nur der erste Schritt. Im Kapitel mit der paradoxen Überschrift „Das Nichts ist instabil“, wobei er „Nichts“ jetzt wieder ohne Anführungszeichen schreibt, will er in weit ausgreifender Spekulation die Entstehung des Universums aus dem Nichts erklären, das er wieder mit dem leeren Raum gleichsetzt, von dem wir ja schon durch seine eigenen Ausführungen gesehen haben, dass er ganz und gar nicht leer ist.

Krauss zieht dafür nun die Quantenfluktuation heran, auch Vakuumfluktuation genannt, mit der die quantenfeldtheoretisch beschreibbare Energie in einem Vakuum bezeichnet wird. In dieser Quantenfluktuation des Vakuums entstehen fortwährend Materie- und Antimaterieteilchen, die sich gegenseitig auslöschen. Aus dem „brodelnden Gebräu“ der Vakuumfluktuation, die er nun wieder Nichts nennt, könne unsere materielle Welt entstanden sein. Wären allerdings Materie und Antimaterie im Gleichgewicht geblieben, hätte nichts aus diesem fortwährenden Aufblitzen und wieder Verlöschen der Fluktuation herausgeführt. Die Lösung ist für Krauss eine winzige Asymmetrie zwischen Materie und Antimaterie die, „durch irgendeine  zufällige Ausgangsbedingung [!] in Gang gebracht“ worden sein könnte. Man ist an dieser Stelle versucht, Théophile Gautier zu zitieren mit dem schönen Wort: „Zufall ist vielleicht das Pseudonym, Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will.“ Dieser „Zufall“ also habe ermöglicht, dass ein Überschuss an Materieteilchen nicht durch Antimaterie ausgelöscht wurde und so „den Charakter des sichtbaren Universums geprägt“ hat. In diesem Sinne nennt er das von ihm zum Nichts erhobene Vakuum der Quantenfluktuation instabil. Offenkundig aber hat ein solches instabiles Etwas eine Eigenschaft und ist damit seiend, wie auch klar aus seiner wiederholten Definition des „Nichts“, nun wieder in Anführungszeichen, als Vakuum hervorgeht: „Gemäß der bislang von mir vorgestellten Definition handelt es sich bei dem relevanten ‚Nichts‘, aus dem unser beobachtetes Etwas hervorgeht, um das Vakuum des leeren Raumes.“

Und es ist wohl Krauss selbst klar, dass er nur durch Zuschreibung zum Nichts deklarieren kann, was doch eindeutig existiert, Raum einnimmt, energiegeladen ist und sich nach Gesetzmäßigkeiten verhält. Also versucht es Krauss mit gewagter Spekulation auf Basis der Theorie der Quantengravitation, die Quantenphysik und allgemeine Relativitätstheorie zu einer Theorie verbinden soll, aber weithin noch bloßes Forschungsprogramm ist. Er will damit zeigen, dass auch der Raum selbst „spontan aus dem Nichts auftauchen“ könne. Wobei er rasch anfügt, dass das „Nichts“ hier als „Abwesenheit von Raum und Zeit zu verstehen ist“ und schreibt „Nichts“ wiederum in Anführungszeichen. Auch in der Singularität, dem Zustand vor dem Urknall, kann die Raumzeit ja unendlich gekrümmt sein, sie bleibt aber doch sicher ein Existierendes, das nicht aus sich selbst ist. Krauss erkennt das sehr wohl, denn er muss resigniert feststellen: „Beweist das, dass unser Universum aus dem Nichts entstanden ist? Natürlich nicht“.

Trotzdem setzt er zu einem noch gewagteren Anlauf an, denn ein letztes Ärgernis, das für ihn auch bleiben würde, wenn tatsächlich der Raum „spontan aus dem Nichts auftauchen“ könnte, sind die Naturgesetze nach denen dies alles ablaufen würde, die Intelligibilität der Welt als Hinweis auf ihren Ordner und Schöpfer, auf dem der Teleologische Gottesbeweis aufbaut. Als Physiker, der sich mit nichts anderem beschäftigt als der Ordnungshaftigkeit der Welt, kommt er daran nicht vorbei: „Alle Beispiele“, heißt es bei Krauss, „die ich bislang geliefert habe, schließen tatsächlich ein, dass etwas hervorgegangen ist aus dem, was man als Nichts zu bezeichnen versucht ist [!], wohingegen die Regeln, also die Gesetze der Physik vorgegeben sind. Woher kommen diese Regeln?“. Das ist ihm ein wahrer Stachel im Fleisch seiner naturalistischen Selbstgewissheit, den auszureißen er sich nun anschickt.

Er versucht dies mit der Multiversumstheorie, also mit der Annahme, dass „unser Universum einer großen, vielleicht sogar unendlichen Menge verschiedener und kausal voneinander getrennter Universen angehört“. Krauss kann sich damit wieder auf den vom Naturalismus gerne herangezogenen Zufall berufen, denn dann ist unser Universum mit seinen das Leben ermöglichenden Naturkonstanten und physikalischen Gesetzen nur ein möglicher Fall einer „Landschaft von Universen“. Nun hilft ihm das aber wenig, es verschärft sogar seine Probleme, denn nun ist es die Entstehung eines Multiversums, die zu erklären ist, und das Auftreten der Gesetzmäßigkeiten die dieser Entstehung zugrunde liegen. Er steht also wieder am Anfang.

Der Schöpfergott, oder philosophisch gesprochen ein erstes absolutes personales Prinzip, bleibt damit die wesentlich bessere Erklärung. Nicht als „Gott der Lücken“, wie Krauss polemisch schreibt, sondern als auch logisch beste Lösung, von der universellen Intuition der Menschen und den religiösen Offenbarungen abgesehen.

Deutlich fehlen Krauss die Mittel, über seine Fachwissenschaft hinauszudenken, sich aus deren methodisch sinnvoll begrenzenden Kategorien zu lösen. Naiv etwa ist seine Vorstellung, Gott müsse ein bereits vorhandenes Potential vorfinden, aus dem er dann erst schöpferisch wirken kann. Damit überträgt er das, was zweifellos für die physische Welt gilt, auf Gott. Dass vom absoluten göttlichen Seienden nur analog als Sein gesprochen werden kann und nicht univok wie im Sinne der endlichen Welt, ist mit seinen auf die physische Welt beschränkten Kategorien nicht erfassbar. Daher meint er: „Einfach nur zu argumentieren, Gott könne bewirken, wozu die Natur nicht imstande ist, läuft darauf hinaus, dass übernatürliches Potential für die Existenz sich irgendwie vom regulären natürlichen Potential für die Existenz unterscheidet“. Ja, kann man da nur bestätigend sagen, und zwar nicht nur „irgendwie“, sondern fundamental unterscheidet sich das Sein Gottes vom endlichen Sein, denn er ist reine Aktualität, in ihm gibt es nichts, das nur Möglichkeit ist. Tiefsinnig verstanden hat das bereits Albertus Magnus, der neben seinem hohen philosophischen Rang als der erste Naturwissenschaftler im modernen Sinne gilt: „Nichts kann aber keines Wirklichen Wurzel oder Grund sein. Das nämlich, was nichts ist, hat keine Möglichkeit und keine Hinordnung [auf das Sein], es sei denn gemäß dem Begriff und im Verhältnis des Nichtseienden zum Seienden… Und daraus folgt, dass [der erste Anfang] Sein nur von sich selbst hat und dass sein Sein nicht von einem anderen abhängt… Und daraus ist offensichtlich, dass [der erste Anfang] im strengen Sinn erstes Prinzip ist, da er selbst nicht auf etwas Vorausliegendes zurückgeführt wird und alles hinsichtlich des Seins auf ihn selbst zurückgeführt wird“ (Liber de causis).

Angesichts des erwartbar gescheiterten Versuchs von Krauss, physikalisch die Möglichkeit einer spontanen Entstehung des Universums aus Nichts zu beweisen, nimmt es sich doch sehr befremdlich aus, wenn Dawkins in seinem Nachwort das Buch als quasi finalen, „vernichtenden“ Schlag für den Theismus bezeichnet. Das ist es sicher nicht, auch wenn Krauss selbst durch sein subtiles Spiel aus gewagten Annahmen und anschließenden Dementis zu einen solchen Fehldeutung beiträgt.  

Angaben zum besprochenen Buch:
Lawrence M. Krauss: Ein Universum aus Nichts – und warum trotzdem etwas ist. Albrecht Knaus Verlag, München, 2013, 256 Seiten. (Englische Ausgabe: A universe from nothing: why there is something rather than nothing. New York, 2013).